Peinlich!? Scham als Ressource im Berufsalltag

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Manchmal genügt ein einziges Wort. Ein Versprecher im falschen Moment, eine Frage, auf die man keine Antwort weiß, ein Name, der einem plötzlich nicht mehr einfällt. Vielleicht bleibt die Stimme weg, obwohl alle Augen erwartungsvoll auf einen gerichtet sind. Vielleicht sagt man etwas, das im eigenen Kopf noch vernünftig geklungen hat, aber ausgesprochen merkwürdig im Raum steht. Für einen kurzen Augenblick scheint alles stillzustehen. Das Gesicht wird heiß, der Blick sucht einen Fluchtweg und im Inneren entsteht nur noch ein Wunsch: Bitte lass diesen Moment möglichst schnell vorübergehen.

Peinlichkeit gehört zu den Erfahrungen, die fast jeder Mensch kennt und die trotzdem kaum jemand freiwillig zeigt. Wir erzählen gerne von Erfolgen, überraschenden Lösungen und mutigen Entscheidungen. Schwieriger wird es bei den Momenten, in denen wir uns klein, ungeschickt oder unzulänglich gefühlt haben. Sie passen nicht zu dem Bild, das wir von uns vermitteln möchten. Besonders im Beruf, wo Kompetenz, Sicherheit und Souveränität erwartet werden, kann schon ein winziger Fehler wie ein Riss in der sorgfältig gepflegten Fassade wirken.

Dabei ist oft gar nicht das Geschehene selbst besonders dramatisch. Ein Fehler lässt sich korrigieren. Eine ungeschickte Bemerkung kann erklärt werden. Eine Wissenslücke ist menschlich. Was den Moment so unangenehm macht, ist die Vorstellung, wie andere uns jetzt sehen könnten. Haben sie bemerkt, dass ich unsicher bin? Halten sie mich für ungeeignet? Habe ich gerade meine Glaubwürdigkeit verloren? Die eigentliche Bühne der Peinlichkeit befindet sich häufig nicht im Raum, sondern im eigenen Kopf.

Scham sorgt dafür, dass wir uns zurückziehen möchten. Sie lässt den Blick sinken, die Schultern nach vorne fallen und manchmal sogar die Stimme verschwinden. Sie kann noch lange nachwirken, obwohl alle anderen den Vorfall längst vergessen haben. Während das Gespräch weitergeht und der Arbeitstag seinen gewöhnlichen Lauf nimmt, spielt sich die Szene im Inneren immer wieder ab. Man analysiert jedes Wort, jede Reaktion und jeden Blick. Hätte ich anders antworten sollen? Warum ist mir das passiert? Was denken die anderen jetzt über mich?

Vielleicht ist Scham aber nicht ausschließlich ein Gefühl, das möglichst schnell überwunden werden muss. Vielleicht zeigt sie uns, was uns wichtig ist. Wer sich schämt, weil er jemanden verletzt hat, besitzt offenbar ein Bewusstsein für die Wirkung des eigenen Handelns. Wer nach einem Fehler an seiner Kompetenz zweifelt, nimmt seine Aufgabe möglicherweise besonders ernst. Wer fürchtet, andere enttäuscht zu haben, dem sind Beziehungen und Verantwortung nicht gleichgültig. Hinter der Scham könnte also etwas liegen, das durchaus wertvoll ist.

Was wäre, wenn wir den peinlichen Moment nicht sofort verdrängen, sondern ihm für einen Augenblick zuhören? Möchte er uns auf eine Grenze aufmerksam machen? Auf einen zu hohen Anspruch an uns selbst? Auf eine Situation, in der wir uns verstellt haben? Oder auf eine Rolle, die wir so überzeugend spielen wollen, dass darin kein Platz mehr für Unsicherheit bleibt?

Gerade Menschen, die beruflich andere begleiten, beraten, unterrichten oder behandeln, stehen unter einem besonderen Druck. Von ihnen werden Klarheit, Ruhe und Orientierung erwartet. Doch was geschieht, wenn eine Therapeutin plötzlich selbst sprachlos ist? Wenn ein Lehrer eine Antwort nicht kennt? Wenn eine Beraterin merkt, dass ihr guter Rat nicht funktioniert? Wenn ein Coach in genau jenes Verhaltensmuster fällt, vor dem er seine Klienten immer warnt?

Macht ein solcher Moment jemanden wirklich weniger professionell? Oder könnte Professionalität gerade darin bestehen, mit der eigenen Unvollkommenheit verantwortungsvoll umzugehen? Wäre ein Mensch, dem niemals etwas peinlich ist, tatsächlich besonders souverän? Oder fehlt ihm vielleicht nur das Gespür dafür, wie sein Verhalten auf andere wirkt?

Wir bewundern Menschen, die scheinbar mühelos auftreten. Sie sprechen ohne Zögern, reagieren schnell und wirken selbst dann sicher, wenn etwas schiefläuft. Doch vielleicht verwechseln wir Souveränität gelegentlich mit guter Tarnung. Wer weiß schon, wie viele Selbstzweifel sich hinter einem festen Blick, einer ruhigen Stimme oder einem professionellen Lächeln verbergen?

Noch unbequemer ist eine andere Frage: Würden wir wirklich gerne mit einem Menschen zusammenarbeiten, der sich niemals schämt? Mit jemandem, der jeden Fehler sofort rechtfertigt, jede Kritik abwehrt und jede Verantwortung von sich weist? Vielleicht ist nicht die Scham das eigentliche Problem. Vielleicht wird sie erst dann gefährlich, wenn sie so groß wird, dass sie jede Entwicklung verhindert – oder wenn sie vollständig fehlt.

Nicht jede peinliche Erfahrung muss öffentlich erzählt werden. Offenheit bedeutet nicht, die eigenen Grenzen zu ignorieren oder intime Erlebnisse zur Schau zu stellen. Jeder Mensch darf selbst entscheiden, was er teilt und was geschützt bleiben soll. Doch zwischen respektvoller Zurückhaltung und vollständigem Verschweigen liegt ein großer Raum. In ihm könnten Erfahrungen ausgetauscht werden, die anderen zeigen, dass Unsicherheit, Fehler und Selbstzweifel keine seltenen Ausnahmen sind.

Was würde sich verändern, wenn in Deinem Beruf offener über solche Situationen gesprochen würde? Welche Themen bleiben in Deiner Branche unausgesprochen, obwohl fast jeder sie kennt? Gibt es einen Moment, den Du am liebsten aus Deiner beruflichen Geschichte löschen würdest? Und könnte ausgerechnet dieser Moment etwas über Dich, Deine Werte oder Deine Entwicklung erzählen?

Vielleicht hat Dich eine peinliche Situation vorsichtiger gemacht. Vielleicht hast Du gelernt, eine Grenze klarer zu benennen, besser zuzuhören oder rechtzeitig um Hilfe zu bitten. Vielleicht hat ein Fehler Deinen Blick auf andere Menschen verändert. Wer selbst erlebt hat, wie verletzlich man sich in einem Augenblick fühlen kann, reagiert möglicherweise verständnisvoller, wenn einem anderen etwas misslingt.

Genau diesen verborgenen Seiten der Scham widmet Susanne ihre Blogparade „Peinlich!? Scham als Ressource im Berufsalltag“. Sie lädt Dich dazu ein, über peinliche Situationen, Selbstzweifel und jene unangenehmen Momente nachzudenken, die im beruflichen Alltag gerne an den Rand der Wahrnehmung geschoben werden. Dabei geht es nicht um öffentliche Bloßstellung, sondern um einen sorgfältigen Blick auf das, was Scham zeigen, schützen oder verändern kann.

Du kannst von einer konkreten Erfahrung erzählen, über den Umgang mit unangenehmen Gefühlen schreiben oder fragen, welche Themen in Deinem Beruf hartnäckig verschwiegen werden. Vielleicht möchtest Du untersuchen, wann Scham zur Belastung wird und wann sie als Warnsignal, Grenzhüterin oder Wegweiser hilfreich sein kann. Auch der Widerstand gegen das Thema kann ein spannender Ausgangspunkt sein: Warum möchtest Du darüber eigentlich lieber nicht schreiben?

Susanne arbeitet als Atemtherapeutin und Supervisorin mit Menschen, die andere beruflich begleiten. Auf ihrem Atemblog beschäftigt sie sich unter anderem mit Körperwahrnehmung, Selbstpräsenz, Mikropausen und dem bewussten Umgang mit schwierigen Gefühlen. Mit dieser Blogparade öffnet sie einen Raum für Erfahrungen, über die selten gesprochen wird, obwohl sie zum Berufsleben ebenso dazugehören wie Wissen, Erfolge und gelungene Entscheidungen.

Vielleicht liegt auf Deinem beruflichen Weg ein peinlicher Moment, der heute eine andere Bedeutung hat als damals. Vielleicht wartet dort eine Erkenntnis, die auch anderen Menschen Mut machen könnte. Schau hin, entscheide selbst, wie viel Du erzählen möchtest, und beteilige Dich mit Deiner eigenen Perspektive.

Alle Informationen zur Teilnahme findest Du bei Susanne in ihrem Aufruf zur Blogparade „Peinlich!? Scham als Ressource im Berufsalltag“.

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