
Stärke gilt als Kompliment. Wer eine Frau als stark bezeichnet, meint damit meistens ihre Ausdauer, ihre Selbstständigkeit und ihre Fähigkeit, selbst schwierige Situationen zu bewältigen. Sie organisiert, entscheidet, trägt Verantwortung und findet einen Weg, wenn andere längst aufgegeben hätten. Auf sie kann man sich verlassen. Sie schafft das schon.
Doch vielleicht liegt genau in diesem vermeintlichen Lob ein Problem. Wer immer stark wirkt, bekommt seltener Hilfe angeboten. Wer Krisen bewältigt, ohne nach außen zu zerbrechen, gilt schnell als jemand, der keine Unterstützung braucht. Aus der Anerkennung wird eine Erwartung. Du bist doch stark. Du kommst damit zurecht. Du hast schon ganz andere Dinge geschafft.
Wann wurde Stärke eigentlich zu einer Verpflichtung?
Manche Frauen haben früh gelernt, dass sie sich auf sich selbst verlassen müssen. Sie bitten nicht um Hilfe, weil sie nicht enttäuscht werden möchten. Sie sprechen nicht über Überforderung, weil sie niemandem zur Last fallen wollen. Sie halten durch, weil es scheinbar keine Alternative gibt. Ihre Stärke ist dann keine frei gewählte Haltung, sondern eine Überlebensstrategie.
Gerade deshalb kann es so viel bedeuten, wenn eine andere Frau innehält und genauer hinsieht. Nicht erst dann, wenn der Zusammenbruch offensichtlich ist. Nicht erst dann, wenn um Hilfe gebeten wurde. Sondern in jenem stillen Moment, in dem zu erkennen ist, dass etwas nicht stimmt.
Vielleicht beginnt Frauensolidarität genau dort. Bei der Bereitschaft, den Blick nicht abzuwenden.
Sie zeigt sich nicht nur in großen öffentlichen Gesten. Manchmal besteht sie darin, einer Frau zu glauben, deren Erfahrung von anderen angezweifelt wird. Sie kann bedeuten, eine Kollegin in einem Gespräch nicht untergehen zu lassen, ihre Idee nicht als die eigene auszugeben oder ihren Namen zu nennen, wenn über eine Leistung gesprochen wird. Vielleicht ist sie eine Nachricht nach einem schwierigen Termin, eine ehrliche Empfehlung, ein geteilter Kontakt oder die Frage, die nicht nur höflich klingt, sondern wirklich eine Antwort zulässt.
Frauensolidarität kann auch ganz unmittelbar werden. Eine fremde Frau begleitet eine andere ein Stück durch eine dunkle Straße. Eine setzt sich im Zug neben die Frau, die von einem Mann bedrängt wird. Eine Freundin bleibt am Telefon, bis die Haustür sicher geschlossen ist. Eine Kollegin widerspricht, wenn über eine abwesende Frau abwertend gesprochen wird.
Es sind kleine Handlungen, die für die Betroffene sehr groß sein können.
Trotzdem ist Solidarität unter Frauen keineswegs selbstverständlich. Frauen werden oft früh miteinander verglichen. Wer ist schöner, erfolgreicher, beliebter, schlanker, souveräner oder mütterlicher? Wer hat die glücklichere Beziehung, die besser erzogenen Kinder, die glänzendere Karriere oder das scheinbar mühelosere Leben? Selbst dort, wo Frauen einander stärken könnten, entsteht Konkurrenz.
Doch ist diese Konkurrenz wirklich ein persönliches Versagen? Oder ist sie das Ergebnis einer Welt, in der Anerkennung lange so verteilt wurde, als gäbe es für Frauen nur wenige Plätze?
Wenn nur eine Frau am Tisch sitzen darf, wird die andere zur Rivalin. Wenn weiblicher Erfolg noch immer als Ausnahme behandelt wird, scheint jede erfolgreiche Frau den knappen Platz einer anderen einzunehmen. Wer sich in solchen Strukturen behaupten muss, lernt möglicherweise nicht zuerst, die Hand nach unten auszustrecken. Vielleicht lernt sie, den eigenen Platz mit aller Kraft zu verteidigen.
Das erklärt fehlende Solidarität. Aber entschuldigt es sie auch?
Wie oft fordern wir Unterstützung von anderen Frauen, während wir selbst schweigen, sobald uns das Eingreifen etwas kosten könnte? Sind wir solidarisch, solange kein Konflikt entsteht? Solange wir keinen Widerspruch riskieren, keine Kundin verlieren, keinen Kollegen verärgern und keine unangenehme Stimmung erzeugen?
Solidarität klingt schön, solange sie abstrakt bleibt. Im entscheidenden Moment ist sie häufig unbequem.
Sie kann bedeuten, einer Freundin nicht nur Trost zu spenden, sondern ihr offen zu sagen, dass sie gerade unfair handelt. Sie kann verlangen, nicht jede Entscheidung einer Frau gutzuheißen und dennoch ihre Würde zu achten. Sie bedeutet nicht, dass Frauen einander bedingungslos recht geben müssen. Auch Grenzen, Widerspruch und ehrliche Kritik können solidarisch sein, wenn sie nicht dazu dienen, die andere kleinzumachen.
Vielleicht verwechseln wir Solidarität manchmal mit Harmonie. Doch echte Verbundenheit zeigt sich nicht nur dort, wo alle einer Meinung sind. Sie zeigt sich auch in der Frage, wie wir mit Unterschieden umgehen.
Gilt unsere Solidarität auch einer Frau, deren Lebensentwurf wir nicht verstehen? Einer Mutter, die ihre beruflichen Wünsche zurückstellt, ebenso wie einer Frau, die keine Kinder möchte? Einer Frau, die laut und sichtbar für ihre Interessen kämpft, ebenso wie jener, die leise bleibt? Gilt sie nur Frauen, die uns ähnlich sind, unsere Sprache sprechen, unsere politischen Überzeugungen teilen und Entscheidungen treffen, die wir selbst treffen würden?
Oder beginnt Solidarität erst dort, wo Ähnlichkeit endet?
Vielleicht sollten wir auch darüber sprechen, wie streng Frauen manchmal über andere Frauen urteilen. Eine selbstbewusste Frau gilt schnell als arrogant. Eine zurückhaltende als schwach. Eine ehrgeizige als rücksichtslos, eine zufriedene als anspruchslos. Eine Mutter arbeitet zu viel oder zu wenig. Eine kinderlose Frau muss ihre Entscheidung erklären. Wer auf sein Äußeres achtet, ist oberflächlich. Wer es nicht tut, lässt sich gehen.
Fast jede Entscheidung kann gegen eine Frau verwendet werden. Umso erstaunlicher ist es, wie oft Frauen selbst an diesen Bewertungen mitwirken.
Was würde passieren, wenn wir uns weigerten, dieses Spiel weiterzuspielen?
Das müsste nicht bedeuten, jede Frau automatisch sympathisch zu finden. Solidarität verlangt keine Freundschaft. Sie fordert auch keine künstliche Nähe. Vielleicht bedeutet sie lediglich, eine andere Frau nicht abzuwerten, um den eigenen Wert zu erhöhen. Ihr keine Steine in den Weg zu legen, nur weil einem selbst früher auch niemand geholfen hat. Nicht zu denken: Ich musste da allein durch, also soll sie das ebenfalls schaffen.
Dieser Satz verrät viel darüber, wie Verletzungen weitergegeben werden. Aus erlebter Ungerechtigkeit entsteht nicht automatisch Mitgefühl. Manchmal entsteht daraus der Wunsch, dass andere dieselbe Härte erfahren. Doch warum sollte Leid gerechter werden, nur weil es sich wiederholt?
Vielleicht wäre Frauensolidarität die Entscheidung, eine schmerzhafte Kette zu unterbrechen. Einer anderen Frau jene Unterstützung zu geben, die man selbst vermisst hat. Ihr eine Tür zu öffnen, vor der man früher allein warten musste. Sie vor einem Fehler zu warnen, statt ihr dabei zuzusehen, wie sie in dieselbe Falle läuft.
Es braucht dafür keine Heldinnen. Niemand kann immer helfen. Angst, Erschöpfung und eigene Verletzungen können den Handlungsspielraum begrenzen. Auch Selbstschutz ist berechtigt. Frauensolidarität darf nicht zur nächsten Forderung werden, die Frauen zusätzlich erfüllen müssen.
Doch zwischen völliger Selbstaufgabe und gleichgültigem Wegsehen liegt ein weiter Raum. In ihm können wir fragen, zuhören, weiterempfehlen, widersprechen, beistehen und manchmal einfach bleiben.
Vielleicht erinnerst Du Dich an einen Moment, in dem eine andere Frau genau das für Dich getan hat. Eine Lehrerin, die etwas in Dir gesehen hat. Eine Kollegin, die Dich verteidigte, als Du nicht im Raum warst. Eine Freundin, die Dir glaubte. Eine Unbekannte, die bemerkte, dass Du Hilfe brauchtest. Vielleicht war es nur ein Satz, aber er hat etwas verändert.
Vielleicht erinnerst Du Dich aber auch an das Gegenteil. An eine Situation, in der Du Dir Unterstützung erhofft hattest und allein geblieben bist. An Konkurrenz, Abwertung oder Schweigen. Vielleicht gab es auch einen Moment, in dem Du selbst gerne mutiger gehandelt hättest.
Was hat Dich zurückgehalten? Was hätte Dir geholfen? Und was würdest Du heute anders machen?
Sylvia greift diese Fragen in ihrer Blogparade „Frauensolidarität – Müssen wir wirklich allein stark sein?“ auf. Sie lädt Dich dazu ein, von erlebter Unterstützung, fehlender Verbundenheit und Deinem eigenen Verständnis von Solidarität unter Frauen zu erzählen.
Du kannst über einen einzelnen Moment schreiben, der Dir bis heute in Erinnerung geblieben ist. Du kannst untersuchen, warum Frauen einander manchmal stärken und manchmal gegeneinander arbeiten. Vielleicht möchtest Du darüber nachdenken, welche Form von Unterstützung Du selbst brauchst, was Du anderen Frauen geben kannst oder welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit Frauensolidarität im Alltag wachsen kann.
Sylvia ist systemische Therapeutin und Trauma-Coachin. In ihrer Arbeit erlebt sie, wie tief es Menschen berühren kann, gesehen, gehört und ernst genommen zu werden. Mit ihrer Blogparade möchte sie unterschiedliche Erfahrungen und Stimmen zusammenbringen. Dabei ist kein perfektes Bekenntnis zur Solidarität gefragt. Auch Zweifel, Enttäuschungen, Widersprüche und versäumte Gelegenheiten dürfen Teil der Auseinandersetzung sein.
Vielleicht müssen Frauen nicht immer allein stark sein. Vielleicht sollten sie es auch nicht sein müssen. Schreibe darüber, was Frauensolidarität für Dich bedeutet, wo Du sie erlebt hast und wo Du sie Dir noch wünschst.
Alle Informationen zur Teilnahme findest Du in Sylvias Aufruf zur Blogparade „Frauensolidarität – Müssen wir wirklich allein stark sein?“.