
Wir hören heute wahrscheinlich mehr Musik als jemals zuvor. Gleichzeitig könnte es sein, dass wir immer weniger Musik wirklich kennen. Ein paar Sekunden reichen oft für die Entscheidung, ob wir weiterhören. Der nächste Titel kostet nichts, wartet schon und wurde womöglich sogar passend für uns ausgewählt. Wir haben dadurch musikalisch eine Freiheit gewonnen, von der frühere Generationen nur träumen konnten. Vielleicht haben wir gleichzeitig etwas verloren, das damals gar nicht als besonderer Wert wahrgenommen wurde: bei einer Platte zu bleiben.
Eine Platte wirklich zu kennen, ist schließlich etwas anderes, als ihre bekanntesten Stücke zu mögen. Irgendwann kennen wir nicht mehr nur die einzelnen Songs. Wir erwarten einen bestimmten Einsatz, wissen unbewusst, wie lange eine Pause dauert, und hören das nächste Stück beinahe schon, bevor das vorherige zu Ende ist. Selbst kleine Nebengeräusche können dazugehören. Ein Knacken auf einer Schallplatte, eine beschädigte Stelle auf einer Kassette oder ein Fehler in einer alten Aufnahme wird irgendwann so selbstverständlich, dass uns später ausgerechnet die saubere Version irritiert. Eigentlich müsste die neue Aufnahme richtiger sein. Für uns ist sie es möglicherweise nicht mehr.
Das legt den Verdacht nahe, dass wir beim Musikhören nicht nur Musik speichern. Wir speichern offenbar auch die Umstände, unter denen wir sie kennengelernt haben, bestimmte Versionen und Wiederholungen, vielleicht sogar Fehler. Irgendwann lässt sich kaum noch auseinanderhalten, was tatsächlich auf einer Platte zu hören ist und was wir beim Hören längst selbst ergänzen.
Vielleicht überschätzen wir ohnehin, wie bewusst wir unseren Musikgeschmack gewählt haben. Wir betrachten bestimmte Bands und Alben gerne als Teil unserer Persönlichkeit. Wir haben diese Musik entdeckt, verstanden und irgendwann für uns angenommen. So klingt zumindest die Geschichte, die wir uns rückblickend erzählen können. Tatsächlich könnte vieles viel banaler gewesen sein. Vielleicht war eine bestimmte Platte schlicht vorhanden.
Es waren die Platten unserer Eltern, die Kassette eines Freundes, eine überspielte CD, das Album im Auto oder jene wenigen Tonträger, für die unser Geld damals gereicht hat. Wir hörten sie nicht unbedingt deshalb ständig, weil wir aus einem riesigen Angebot genau diese Musik ausgewählt hatten. Wir hörten sie auch deshalb, weil wir sie hatten. Wären damals drei andere Platten im Regal gestanden, würden wir heute möglicherweise ebenso überzeugt behaupten, genau diese hätten unseren musikalischen Geschmack geprägt.
Das ist keine besonders angenehme Vorstellung. Musikgeschmack eignet sich schließlich hervorragend, um etwas über uns selbst auszudrücken. Welche Musik wir hören, welche wir ablehnen und welche Künstler wir ernst nehmen, kann beinahe zu einer kleinen kulturellen Visitenkarte werden. Wir grenzen uns damit ab, erkennen Gleichgesinnte und ordnen uns manchmal sogar Generationen oder Szenen zu. Umso störender wäre der Gedanke, dass zumindest ein Teil dieser vermeintlichen Individualität aus Zufällen entstanden ist.
Vielleicht verteidigen wir heute sogar musikalische Entscheidungen, die wir ursprünglich überhaupt nicht getroffen haben. Wir haben sie nur oft genug gehört.
Auch unsere Erinnerungen daran dürften weniger zuverlässig sein, als wir gerne glauben. Ein bestimmtes Album gehört in unserer Erinnerung zu einem Sommer, einer Wohnung, einer Reise, einer Beziehung oder einer Phase unseres Lebens. Im Rückblick ergibt das häufig eine erstaunlich schlüssige Geschichte. Nur muss die Platte damals tatsächlich so bedeutend gewesen sein? Vielleicht ist sie heute vor allem deshalb bedeutend, weil sie zufällig der Soundtrack zu etwas geworden ist, das wir später mit Bedeutung aufgeladen haben.
Gerade die Musik unserer Jugend genießt dabei einen gewissen Sonderstatus. Die Bands waren wichtiger, die Texte bedeutender, die Alben vollständiger und das Musikhören selbst intensiver. Zumindest können wir uns das recht überzeugend erzählen. Möglicherweise war die Musik damals aber gar nicht besser und möglicherweise haben wir auch nicht besser zugehört. Vielleicht hatten wir einfach weniger Auswahl.
Wer fünf oder zehn Platten besitzt, hört sie zwangsläufig anders als jemand, dem nahezu die gesamte aufgezeichnete Musikgeschichte jederzeit zur Verfügung steht. Früher konnte Langeweile sogar dazu führen, dass wir eine Platte noch einmal auflegten, die wir bereits kannten. Heute führt dieselbe Langeweile eher dazu, dass wir etwas anderes anklicken. Das muss kein Verlust sein. Es könnte aber erklären, warum wir früher auch jene Stücke eines Albums irgendwann kannten, die uns beim ersten Hören überhaupt nicht gefallen hatten.
Vielleicht ist unser heutiger Musikgeschmack deshalb gar nicht anspruchsvoller geworden. Vielleicht sind wir einfach ungeduldiger.
Das wäre zumindest eine Möglichkeit, gegen die sich gut argumentieren lässt. Schließlich entdecken wir heute Musik, die wir früher niemals gefunden hätten. Wir können innerhalb eines Abends zwischen Jahrzehnten, Ländern und Genres wechseln und müssen nicht darauf hoffen, dass ein Plattenladen zufällig führt, was wir suchen. Aber dieselbe Freiheit erlaubt uns eben auch, jeden Titel sofort gegen den nächsten antreten zu lassen. Wenn theoretisch immer etwas Besseres nur einen Klick entfernt sein könnte, sinkt der Grund, bei etwas zu bleiben, das uns nicht sofort überzeugt.
Interessant wäre deshalb, wie viele unserer alten Lieblingsplatten unter heutigen Bedingungen überhaupt eine Chance bekommen hätten. Vielleicht hätten wir nach zwei Stücken weitergeklickt. Vielleicht wäre genau das Lied, das später unser liebstes wurde, nie gelaufen. Wir können das nicht mehr überprüfen. Aber es stellt zumindest die hübsche Vorstellung infrage, dass unsere musikalische Biografie allein das Ergebnis eines besonders sicheren Geschmacks gewesen sei.
Auch das Album selbst spielt heute eine andere Rolle. Wir hören einzelne Titel, Playlists und Empfehlungen. Wir springen hinein, lassen uns weiterleiten und landen irgendwann bei einem Künstler, nach dem wir ursprünglich überhaupt nicht gesucht haben. Die feste Reihenfolge einer Platte ist dabei nicht mehr selbstverständlich. Früher war sie kaum zu umgehen. Nach diesem Stück kam jenes Stück, und wenn wir nicht aufstanden und die Nadel versetzten oder die Kassette mühsam vorlaufen ließen, blieb das auch so.
Dadurch wurde die Reihenfolge irgendwann Teil der Musik. Ein Lied endete, und in unserem Kopf war bereits Platz für den Anfang des nächsten. Wenn heute zwei Stücke einer alten Platte vertauscht werden, kann sich das erstaunlich falsch anfühlen. Nicht unbedingt, weil wir die Titelliste bewusst auswendig kennen. Irgendetwas erwartet einfach einen anderen Fortgang.
Vielleicht können Playlists dieselbe Vertrautheit erzeugen. Vielleicht ist die Vorstellung vom Album als geschlossenem Werk ohnehin nur eine Gewohnheit bestimmter Generationen. Ein heute Sechzehnjähriger könnte eine Spotify-Playlist genauso tief verinnerlichen, wie früher eine Kassette verinnerlicht wurde. Andererseits verändern sich Playlists, Empfehlungen wechseln und Shuffle löst feste Abläufe auf. Ob dabei dieselbe Form des musikalischen Gedächtnisses entsteht, werden wir vielleicht erst in einigen Jahrzehnten wissen.
Noch interessanter wird es, wenn wir Lieblingsplatten und jene Platten auseinanderhalten, die tatsächlich in uns gespeichert sind. Das muss nämlich keineswegs dasselbe Album sein. Wir können eine Platte nahezu vollständig im Kopf haben und trotzdem seit zwanzig Jahren nicht mehr auf die Idee gekommen sein, sie freiwillig anzuhören. Wir können sie musikalisch längst hinter uns gelassen haben und trotzdem noch wissen, was nach dem letzten Ton eines Stücks kommt.
Vielleicht wird es sogar etwas unangenehm, wenn wir dabei ehrlich mit uns sind. Die Platte, mit der wir unseren Musikgeschmack heute gerne erklären würden, muss nicht jene sein, die wir damals tatsächlich hundertmal gehört haben. Die respektierte Rockplatte, der Jazzklassiker oder das Album, das heute in jeder Bestenliste auftaucht, eignet sich rückblickend hervorragend für die eigene musikalische Biografie. Dummerweise könnte unser Gedächtnis ganz andere Beweise liefern.
Vielleicht war es eine ziemlich gewöhnliche Popplatte. Vielleicht Musik, über die wir heute ein wenig die Nase rümpfen. Vielleicht besitzen wir noch immer jede Textzeile einer musikalischen Jugendsünde, während wir bei jenem angeblich lebensverändernden Meisterwerk nach dem dritten Titel nicht mehr sicher wären, wie es weitergeht. Wenn das so ist, wäre möglicherweise gerade die peinlichere Antwort die interessantere.
Denn wir schreiben unsere eigene Vergangenheit ständig ein wenig um. Wir erzählen nicht unbedingt, was war, sondern auch, was im Rückblick zu uns passen soll. Musik ist dafür besonders geeignet. Kaum jemand wird überprüfen, welche Platte tatsächlich monatelang im Kassettenrekorder lag. Unser Gedächtnis könnte allerdings weniger höflich sein als unsere Selbstdarstellung.
Genau an diesem Punkt setzt Victoriah Szirmai auf ihrem Blog Klangverführer mit einer Blogparade an. Wer dort ein wenig weiterliest, merkt schnell, dass die Frage nach einer Platte, die im Körper geblieben ist, nicht zufällig auf diesem Blog landet. Victoriah ist Musikwissenschaftlerin und Musikjournalistin, schreibt seit vielen Jahren über Musik und beschäftigt sich beruflich genau mit jener schwierigen Schnittstelle, an der aus etwas Gehörtem Sprache werden soll. Auf Klangverführer geht es deshalb nicht nur darum, neue Veröffentlichungen möglichst schnell mit einem Urteil zu versehen. Musik wird dort zum Ausgangspunkt für Geschichten, Beobachtungen und Fragen, die über eine klassische Plattenbesprechung hinausreichen.
Vielleicht ist gerade das ein interessanter Gegenentwurf zu unserem schnellen Musikkonsum. Wo wir nach wenigen Sekunden entscheiden können, ob uns etwas gefällt, beschäftigt sich Victoriah beruflich mit dem genauen Hinhören. Auf Klangverführer tauchen deshalb auch Themen auf, bei denen Musik nicht isoliert betrachtet wird, sondern mit Biografie, Gesellschaft, Arbeit und dem Schreiben über Musik zusammenkommt. Der Blog wirkt damit weniger wie ein Schaufenster für möglichst viele Neuerscheinungen und eher wie ein Ort, an dem länger bei einem Gedanken geblieben werden darf.
Für ihre Blogparade geht Victoriah selbst weit zurück. Sie erzählt von einem Sommer 1988 in Budapest, von einer Kindheit, in der zu Hause vor allem klassische Musik vorkam, und von ihrer Begegnung mit Michael Jackson. Aus „Thriller“ und anschließend „Bad“ wurde mehr als die Entdeckung eines Popstars. Sie hörte „Bad“ so oft, dass nicht nur die einzelnen Stücke hängen blieben, sondern Einsätze, Übergänge, Pausen und die Reihenfolge. Von dort führten musikalische Wege weiter zu Quincy Jones und zahlreichen anderen Künstlern und letztlich, so beschreibt sie es selbst, auch zu ihrem späteren Musikgeschmack und ihrer beruflichen Beschäftigung mit Musik.
Bemerkenswert ist dabei, dass sie „Bad“ heute gar nicht zu den Alben zählen würde, denen sie musikalisch unbedingt den Vorzug gibt. Trotzdem kennt sie keine andere Platte auf dieselbe Weise auswendig. Damit wird die Sache komplizierter als die übliche Frage nach dem Lieblingsalbum. Es geht nicht darum, welches Werk wir heute für das beste halten oder welches Album in unserer persönlichen Bestenliste ganz oben stehen müsste. Es geht um die Platte, die offenbar irgendwann eine andere Grenze überschritten hat.
Damit sind wir wieder bei uns. Welche Platte würde auftauchen, wenn wir nicht nach unserer liebsten oder besten suchen, sondern nach der, deren Ablauf noch irgendwo vollständig vorhanden ist? Vielleicht ist die Antwort sofort da. Vielleicht müssen wir ein paar alte Platten gedanklich anspielen. Vielleicht stellen wir dabei fest, dass wir uns bei unserer eigenen musikalischen Vergangenheit ein wenig geirrt haben.
Spannend wäre dann nicht nur, welche Platte es ist. Interessanter könnte werden, warum ausgerechnet diese geblieben ist, wie sie überhaupt zu uns kam und ob wir sie damals aus Begeisterung so oft gehört haben oder einfach deshalb, weil sie verfügbar war. Vielleicht würden wir sie heute noch genauso hören. Vielleicht hätten wir heute nach drei Titeln genug davon. Vielleicht überrascht uns sogar, wie viel davon noch vorhanden ist, sobald die ersten Töne erklingen.
Und wenn am Ende eine Platte auftaucht, die wir in einer gepflegten Selbstdarstellung unserer musikalischen Entwicklung lieber verschwiegen hätten, wäre das vermutlich kein Grund, eine andere auszuwählen. Vielleicht wäre genau dort der bessere Beitrag zu finden.
Victoriah lädt auf Klangverführer dazu ein, diese Platte hervorzuholen und die Geschichte dahinter auf dem eigenen Blog zu erzählen. Nicht unbedingt die Platte, mit der wir unseren guten Geschmack beweisen können. Sondern jene, bei der unser Kopf schon weiterspielt, bevor die Musik so weit ist.
Alle Details zur Blogparade findest Du unter Die Platte, die im Körper bleibt